Nicht
nur für Profis
Letztendlich möchte
ich nur jeden ermutigen, einmal Gesangsunterricht
bei einem Lehrer zu nehmen. Sicherlich gibt es auch
in Ihrer Nähe kompetente Gesangslehrer.
Gesangsunterricht macht nicht nur Spaß, sondern
sein Ziel ist eindeutig zu beschreiben. Er zeigt
die eigenen Grenzen und die individuelle Stilrichtung.
Er beseitigt Probleme beim Singen und baut den Stimmumfang
aus. Dabei erlernt man den kontrollierten Einsatz
der Stimme, sowie Wortdeutlichkeit beim Sprechen
und Singen. Die Phantasie wird gefördert und das
körperliche Wohlbefinden durch die gute Atmung gesteigert.
Also nicht nur etwas für Profisänger!
Bei so vielen guten Argumenten für den Ausbau seiner
Stimme, sollte der erste Schritt nicht schwer fallen.
Selbst wenn man schon etwas älter ist, lohnt sich
der Beginn einer Ausbildung in jedem Fall.
Mit etwas mehr Geduld, Zeit und Ausdauer bekommt
man dann auch die hartnäckigsten Fehler in den Griff.
Und auch wenn Sie nach einigen Wochen für sich feststellen,
dass die Ausbildung der Stimme doch zu anstrengend
und zeitaufwendig für Sie ist, so sind diese Wochen
sicherlich eine Bereicherung für Sie gewesen. Seine
Grenzen zu kennen und sie zu akzeptieren, gehört
auch zur Persönlichkeit im Gesang.
Eine Anmerkung in eigener Sache:
Individueller Gesangsunterricht bedeutet individuelle
Betreuung. Ganz persönlich auf jeden Einzelnen abgestimmt.
Einzelunterricht ist sinnvoll und zweckmäßig.
Gruppenunterricht empfiehlt sich im Gesang nicht.
Auch bei Atemkursen empfinde ich dieses schon als
sehr schwierig. Denn der Lehrer kann unmöglich auf
jeden einzelnen eingehen.
Jeder hat seine besonderen Übungen und jeder Weg
ist einzigartig. Kein „Null acht fünfzehn“ Programm
sollte vom Lehrer heruntergespult werden nach dem
Motto „So und nicht anders“. Sondern je länger man
den Unterricht nimmt, umso individueller sollte
er auf jeden persönlich, und mit dem persönlichen
Übungsplan ausgerichtet sein. Darauf ist unbedingt
zu achten.
Da jeder Lehrer seinen ganz persönlichen Stil hat,
ist auch der Wechsel nach einiger Zeit ratsam. Zurückkommen
können Sie ja immer noch, wenn die anderen Lehrer
Ihnen doch nicht zugesagt haben.
Vielleicht machen Sie sich, bevor Sie zu der ersten
Gesangsstunde gehen, einmal einen Zettel mit folgenden
Fragen, die Sie sich selber beantworten sollten:
- Welche Stilrichtung
möchten Sie erlernen, und welche Musik gefällt
Ihnen am meisten?
- Was erwarten
Sie vom Gesangsunterricht?
- Welche persönlichen
Fortschritte erhoffen Sie sich?
- Wie lange
und wie häufig möchten Sie Unterricht nehmen?
- Welches
Ziel haben Sie sich im Gesang gesteckt? Vielleicht
einen in Zukunft bevorstehenden Auftritt?
Späte Ausbildung im Gesang?
Noch einige ermutigende Gedanken, eine Gesangsausbildung
auch im fortgeschrittenen Alter zu beginnen.
Je später Sie mit der Gesangsausbildung anfangen...
- ...umso
mehr Geduld brauchen Sie, eingeschlichene Fehler
wieder in den Griff zu bekommen. Seien Sie vor
allen Dingen ehrlich zu sich selbst. Viele Fehler
können wieder behoben werden, aber nur, wenn man
sie sich eingesteht und konsequent mit professioneller
Hilfe daran arbeitet!
- ...umso
mehr können Sie den Verstand benutzen, um Zusammenhänge
zu erkennen und zu verstehen.
- ...umso
mehr sollten Sie verstehen, dass es einen gesunden
Schmerz gibt, der falsches Verhalten mit Geduld
und Zeit wieder in die richtige Bahn lenkt. (Sei
es körperliches oder seelisches Fehlverhalten).
Dieser Schmerz ist mit Muskelkater nach einem
anstrengen Training zu vergleichen. Nicht wie
der Schmerz, wenn man sich verletzt hat. Wenn
man langsam und vorsichtig arbeitet, wird man
diese beiden Arten schnell voneinander unterscheiden
können.
- ...umso
mehr müssen Sie lernen, kindlich neu zu entdecken
und die Phantasie zu nutzen, etwas was viele Erwachsenen
schon lange in ihrer Welt verdrängt und vergessen
haben. Lassen Sie sich auf das Abenteuer ein,
noch mal das „Ein mal Eins“ der Musik zu lernen,
auch wenn Sie schon seit langem mit beiden Beinen
im Berufsleben stehen. Nur so kommen Sie Ihrem
Ziel im Gesang ein ganzes Stück näher.
- ...umso
mehr müssen Sie wieder Vertrauen lernen. Vertrauen
in sich selbst, und in den Gesangslehrer. Gemeinsam
werden Sie den besten Weg für sich herausarbeiten.
Körperspannung und Haltung
Hier möchte ich noch einmal ganz deutlich machen,
dass beim Gesang viel mehr vom Körper beteiligt ist,
als nur und die Stimmlippen. Gesang von körperlichen
Bewegungen zu trennen, ist auf Dauer nicht möglich
und wirkt sehr unnatürlich. Diese beiden gehören zusammen.
Dabei ist es nicht erforderlich, ein durchtrainierter
Athlet zu sein.
Viele Sänger aus dem klassischen Bereich, aber auch
aus der Pop Musikszene haben einen beträchtlichen
Körperumfang. Aber Sie sind im Gesangskörper fit und
beweglich. Daher werden in diesem Kapitel auch noch
einige leichte körperliche Übungen vorgestellt.
Gesangstechnisches Stehen und Sitzen
Da oft im Sitzen geprobt und gesungen wird, hier
noch einige Hinweise zum richtigen gesangstechnischen
Sitzen. Wichtig ist, dass auch beim Sitzen die korrekte
Körperspannung vorhanden ist, damit das „Rohr“ (wie
in Kapitel 2 gelernt) nicht geknickt wird und die
Luft ungehindert fließen kann. Setzen Sie sich dafür
nicht auf die volle Sitzfläche, sondern auf den vorderen
Teil des Stuhls oder Sessels. Die Beine werden nicht
übereinandergeschlagen (zumindest nicht als Anfänger)
und die Fersen sollten festen Bodenkontakt haben.
Dadurch wird eine Beinhaltung möglich, die am Kniegelenk
ungefähr einen rechten Winkel bildet. Der Oberkörper
sollte in gerader Haltung positiv gespannt sein, damit
das Zwerchfell bei der Atmung nicht behindert wird.
Auch auf die Kopfhaltung ist zu achten. Knicken Sie
den Kopf nicht nach unten ab (zum Lesen der Noten),
oder überstrecken Sie ihn nicht (um z.B. über Ihren
Vordermann zu schauen.)
Für das gesangstechnische Stehen gilt in vieler Hinsicht
das gleiche. Fester Fersenstand, gerade Körperhaltung
und aufrecht gehaltener Kopf sind besonders für Anfänger
notwendig. Stellen Sie sich im Stehen vor, Sie wollten
Ihr Steißbein leicht zum Bauchnabel hinziehen. Die
Pomuskeln werden dabei leicht angespannt aber nicht
verkrampft. Ein Hohlkreuz oder ein krampfhaft eingezogener
Bauch sollten im Stehen vermieden werden. Vermeiden
Sie ebenfalls in den Hüften einzuknicken, also das
Gewicht auf ein Bein zu verlagern (lässige Haltung).
Zu mindest als Anfänger sollten Sie sehr darauf achten.
Mit der Zeit kommt die Routine und die Bewegungsfreiheit.
Eine gute Körperhaltung gehört eben auch zum Gesang.
Sie rundet das Bild der Gesangsdarbietung ab. Egal,
ob man ein Lied als Rocksänger oder Opernsänger singen
möchte. Dies gilt nicht nur für Solisten. Auch Chorsänger
bilden ein gemeinsames Bild für die Zuschauer und
Zuhörer. Daher ist es noch wichtiger, dass jeder Einzelne
seine eigene Ausstrahlung hat.
Viele Chorsänger machen den Fehler, dass sie sich
in der Masse „verstecken wollen“. Darüber haben wir
schon ausführlich in Kapitel 6 gesprochen.
Aber jeder spielt dabei eine Hauptrolle, das sollte
niemals vergessen werden! Ein Lied kann noch so wunderschön
gesungen werden, wenn die Optik den Zuhörer nicht
auch fesselt, ist alle Liebesmüh vergebens. Der Ausdruck
und der optische Eindruck ist schon der halbe Erfolg.
Ein
Lächeln von Zeit zu Zeit öffnet Ihre Kopfresonanzen
und die Herzen der Zuhörer. |
Vergessen Sie nie, dass jeder Texter und Komponist
sich etwas bei seinem Lied gedacht hat!
Emotionen, Erfahrungen, Erlebnisse stecken hinter
jedem Lied, egal aus welcher Musikrichtung sie kommen.
Wenn Sie nun noch Ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle
mit in dieses Lied legen, so kann der Ausdruck nur
Beeindrucken.
Lieder sind nicht einfach nur eine Aneinanderreihung
von Noten. Es ist nicht immer einfach, Gefühle zu
zeigen, man scheint mit jedem Lied auch ein Stückchen
seiner Seele preiszugeben. Also sollte man auch das
ruhig einmal üben. Gefühle in ein Lied zu legen, ist
ein Balanceakt, der nicht immer so einfach gelingt.
Selbst ein ausgebildeter, jahrelanger Profi kann nicht
mehr singen, wenn Ihn seine Gefühle übermannen. Er
muss lernen, Wut, Trauer, Freude etc. zu kontrollieren
und diese gezielt in seinem Lied zu verarbeiten.
Wichtig ist ebenfalls, dass nicht wild irgendwelche
Bewegungen gemacht werden müssen, um ein Lied auch
von der Optik her interessant zu gestalten. Ein kleiner
Schritt, eine leichte Handbewegung im richtigen Moment,
ein leichtes Lächeln, ein kurzer Blick, aber auch
plötzliches Verharren in einer Position kann die Aufmerksamkeit
des Zuhörers schon für einen kurzen Moment fesseln.
So erzeugen Sie Spannungen und können wichtige Textzeilen
im Lied besser hervorheben.
Gestik, Mimik, Körperhaltung und Bewegung sollten
für Sie passend ausgedacht sein. Wenn Sie ein Lied
als Solist vortragen möchten, überlegen Sie sich vorher,
welche Bewegungen Sie machen möchten und studieren
Sie diese ein. Bei einem Auftritt diese Bewegungen
dem Zufall überlassen zu wollen, kann leicht in die
falsche Richtung losgehen. Die Aufregung macht nervös
und schnell wirkt jede Handlung aufgesetzt oder unbeholfen.
Auch ein Hobbysänger sollte bei seinen Auftritten
die größtmögliche Perfektion für sich herüberbringen.
Man möchte ja auch den erhofften Erfolg damit einholen
und das Publikum hat nun einmal im Hinterkopf die
gesamte professionelle Szene aus Bühne, Film und Fernsehen,
und die hat in den letzten Jahren mächtig zugelegt,
was die Optik der Darsteller, die Bühnentechnik und
die Aktionen auf der Bühne betrifft. Wenn man ein
schönes Lied vortragen möchte, möchte man nicht unbedingt
als Lachnummer enden.
|